Achtsamkeit als Strategie
für kreative Prozesse im Design

Schnell zu neuen Ideen aber bitte langsam

Die Designbranche ist von Geschwindigkeit und einer Flut an Informationen geprägt. Unter diesem ständigen Druck, Stress und der permanenten Reizüberflutung geht Kreativität leicht verloren. Das brachte mich zurück zu den Wurzeln – zum Designer selbst. Ich stellte mir die Frage, wie Designer:innen darin unterstützt werden können, ihre Kreativität langfristig zu erhalten, und welche Rolle Körperbewusstsein und Achtsamkeit beim Entstehen neuer Ideen spielen.

Ziel: Integration von Achtsamkeit in kreative Arbeitsprozesse.

Forschungsfrage: Wie kann Achtsamkeit als Strategie eingesetzt werden, um Kreativität in der Designbranche zu fördern?

Ergebnis: Im Rahmen meiner Bachelorarbeit entwickelte ich „Wurzelwerk“ – ein Achtsamkeitsjournal, das Designer:innen dabei unterstützt, bewusster zu reflektieren, Stress zu regulieren und förderliche Rahmenbedingungen für kreatives Arbeiten zu schaffen. Mit Wurzelwerk kann ein stabiler Boden entstehen, auf dem kreative Prozesse wachsen und nachhaltig gestaltet werden.

Bachelorarbeit an der Hochschule der Medien Stuttgart, 2025

TOOLS & Methoden: Miro · Notion · Adobe InDesign · Adobe Photoshop · MAXQDA /Embodied-Design Tool: Flower · Design-Based Research (DBR) · Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

Prozess / Vorgehen

“Like it or not, this moment is all we really have to work with”
(Kabat-Zinn, 1994, p. xiii)

Das gesamte Potenzial nutzen

Achtsamkeit &
Kreativität im Designprozess

In meiner Arbeit als Designer*in verbinde ich Achtsamkeit mit kreativen Methoden. Beide Komponenten unterstützen sich gegenseitig: Achtsamkeit fördert Präsenz, emotionale Balance und Offenheit für neue Impulse – zentrale Voraussetzungen für innovative Gestaltung.

Kreativität entsteht dort, wo Raum für neue Perspektiven entsteht. Achtsamkeit bedeutet bewusste, nicht wertende Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment. Sie schafft diesen Raum, indem sie Stress reduziert, die Selbstregulation stärkt und den Wechsel zwischen Fokus und freiem Gedankenfluss ermöglicht. Gleichzeitig erweitert sie die Wahrnehmung und erleichtert den Umgang mit Unsicherheit und Ambiguitäten – Fähigkeiten, die im Designalltag essenziell sind.

Kreativität

Kreativität ist die Fähigkeit, neue und zugleich nützliche Ideen, Produkte oder Lösungen zu entwickeln – individuell wie im Team. In einer zunehmend komplexen Welt zählt sie laut OECD zu den wichtigsten „Future Skills“: Sie befähigt uns, Innovation voranzutreiben und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Genau das ist der Kern des Designberufs.

Embodied Design –
Denken durch den Körper

Der Embodied-Design-Ansatz erweitert klassische Kreativitätsmodelle: Kreativität findet nicht nur im Kopf statt, sondern entsteht durch Körper, Bewegung und Interaktion. Der Körper dient dabei als Sensorium, das Impulse aus Raum, Umgebung und Emotionen aufnimmt und in den Gestaltungsprozess einbringt.

Achtsamkeit unterstützt diesen körperlichen Zugang zur Kreativität, indem sie hilft, bewusst wahrzunehmen statt zu bewerten. Sie löst mentale Blockaden und öffnet den Weg zu intuitiven, körperlich verankerten Ideen.

Kreativität ist die Grundlage jeder Innovation – sie entsteht dort, wo Menschen Raum haben, bewusst wahrzunehmen, zu reflektieren und Grenzen zu hinterfragen. Genau das schafft Achtsamkeit. Sie ermöglicht, Komplexität mit Offenheit zu begegnen – die wichtigste Voraussetzung für wirklich neue Ideen.

DER DESIGNER IM MITTELPUNKT – DIE EIGENEN WURZELN STÄRKEN UND EINEN NÄHRBODEN FÜR KREATIVE PROZESSE SCHAFFEN

Ein Designer hat im Arbeitsalltag vielfältige Bedürfnisse, die Kreativität, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit unterstützen. Klarheit und Fokus sind entscheidend: Zeit und Raum, um Ideen ohne ständige Unterbrechungen zu entwickeln, ermöglichen vertieftes Arbeiten und Flow. Gleichzeitig braucht es Inspiration und Stimulation, also Zugang zu neuen Trends, Materialien, Technologien, Perspektiven, humorvollen Impulsen oder Zitaten, um den kreativen Gedankenfluss anzuregen.

Autonomie und Entscheidungsfreiheit sind ebenso wichtig – die Freiheit, eigene kreative Wege zu gehen, Aufgaben zu wählen und selbst über den Prozess zu bestimmen. Dazu gehört auch ein Raum für Reflexion und Verbundenheit mit sich selbst, in dem Gedanken und Gefühle wahrgenommen werden können, Stress abgebaut und die innere Kreativität gestärkt wird. Journale oder Rückzugsorte können hier unterstützend wirken.

Physisch und mental braucht ein Designer Bewegung und Pausen, um dem dauerhaften mentalen Dauerfeuer zu entkommen, den Kopf frei zu bekommen und Raum zum Atmen und Erleben zu schaffen. Abwechslung in der Umgebung – flexible Räume, inspirierende Materialien oder Naturkontakte – stimulieren neue Perspektiven und kreatives Denken.

INSPIRATION

Wurzelwerk

Das magazinische Journal Wurzelwerk verbindet Inspiration und Interaktion. Es ist weder klassisches Magazin noch Tagebuch, sondern ein Hybrid aus Lesemedium und Reflexionsraum – ein Ort, an dem Lesen, Spüren, Schreiben und Gestalten ineinandergreifen.

Ziel ist es, Ruhe, Klarheit, Sinn und Selbstverbindung zu fördern – ohne in eine „Esoterik-Schublade“ zu fallen. Achtsamkeit wird hier modern, lebendig und körperlich erfahrbar gedach

Achtsame und emotionale Gestaltung

Die Gestaltung des Journals Wurzelwerk folgt den Prinzipien der achtsamen Gestaltung: Sie soll Ruhe, Präsenz und Bewusstheit fördern. Form, Farbe und Typografie sind bewusst reduziert und harmonisch gewählt, um eine entschleunigte Nutzung zu ermöglichen. Weißraum, sanfte Übergänge und natürliche Farbwelten schaffen Raum für Konzentration und ReflexionGestaltung wird hier selbst zum Instrument der Achtsamkeit.

Das Konzept orientiert sich am Emotional Design, das Gestaltung nicht nur funktional, sondern auch emotional wirksam versteht. Durch eine ruhige Bildsprache, narrative Elemente und Papier Haptik entsteht eine emotionale Verbindung zwischen Nutzer:in und Medium. Diese Resonanz fördert Offenheit, Motivation und Inspiration.

Die Wurzelmetapher visualisiert den Fortschritt in der persönlichen Entwicklung und zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte Journal.

Prototyp

Strucktur & Inhalte

Jeder Abschnitt folgt einer klaren Struktur aus Einführung, Übungen, Reflexionsfragen, Freiraum zur eigenen Gestaltung sowie großflächigen Bildern und Zitaten. Das Journal ist aufgebaut nach dem Motto: „Alles kann, nichts muss.“

  • Ziel ist es, Achtsamkeit schrittweise in den Alltag zu integrieren und den Körper als kreative Ressource wahrzunehmen. Tägliche Impulse (5–10 Minuten) aus Theorie, Übung und Reflexion fördern Bewusstheit und Selbstverbindung.

  • Begleitend zum Designspiel unterstützt diese Phase Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung in drei Schritten: Wahrnehmen – Übertragen – Lösen. Übungen wie Atem- und Körperarbeit, Zeichnen, Ausmalen oder „mit den Händen denken“ (LEGO® SERIOUS PLAY) regen spielerisch Kreativität und Reflexion an.

  • Zum Abschluss steht die bewusste Integration der Erfahrungen im Fokus. Ein Einführungstext, offene Reflexionsfragen und Raum für Abschlussgedanken laden dazu ein, Erkenntnisse in zukünftige kreative und persönliche Prozesse zu übertragen.

Da das Wurzelwerk die Phasen vor, während und nach dem Designprozess umfasst, kann es dabei helfen, Achtsamkeit systematisch zu trainieren und so zu einer bewussteren Haltung im kreativen Arbeiten führen.

Wurzelwerk

Methode/ TEsting

Im Mittelpunkt der gestaltungsorientierten Fallstudie steht die Entwicklung und Erprobung des Achtsamkeitsjournals „Wurzelwerk“. In einer einwöchigen Vorbereitungsphase mit anschließender Reflexion sowie einem Design-Workshop, der das Embodied Design Tool „Flower“ als Forschungsrahmen von Prof. Dr. Judith Papadopoulos nutzte, wurde untersucht, wie Achtsamkeit in den Embodied-Designprozess integriert werden kann und welche Auswirkungen sie auf das Erleben von Kreativität hat.

Am Workshop nahmen sechs Teilnehmer teil, alle mit Berufserfahrung im Designbereich. Die Datenerhebung erfolgte über Reflexionseinträge im Journal sowie Interviews nach einer Spielphase des Embodied Design Tools. Das Spiel selbst ist nicht Gegenstand der Untersuchung. Die Auswertung erfolgte mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.

Wirkung von Achtsamkeit

  • Achtsamkeit wirkte sich auf zentrale Persönlichkeitsaspekte aus, die Kreativität fördern:
    Stressreduktion, innere Ruhe, Fokus, Offenheit und Selbstregulation.

  • Diese Faktoren schufen eine stabile Basis für kreative Denkprozesse und unterstützten Flexibilität und Flow.

  • Teilnehmende beschrieben Achtsamkeit als hilfreich, um Bewertungsdruck zu reduzieren, spielerisch mit Ideen umzugehen und während der Designphase einen Flow-Zustand zu erleben.

Erkenntnisse / Impact

Gestaltung und Emotional Design

  • Das visuelle Design (Farbverläufe, Layout, Bilder) wurde als stimmungsfördernd, ruhig und inspirierend wahrgenommen.

  • Emotional Design wirkte motivierend und half, eine positive Grundhaltung zu schaffen.

  • Es zeigte sich, dass gutes Design emotionale Resonanz auslösen kann, die wiederum kreatives Arbeiten unterstützt.

  • Wünsche: kompakteres, digitales oder haptisch ansprechendes Format für den Alltag.

Fazit

Die Studie zeigt, dass Achtsamkeit als strategische Ressource für Kreativität wirkt, wenn sie bewusst in Designprozesse integriert wird. Das Journal „Wurzelwerk“ unterstützt diesen Ansatz, indem es Reflexion und Selbstwahrnehmung fördert und so Flow-Erlebnisse im kreativen Prozess begünstigt.

Der Effekt beruht jedoch nicht allein auf dem Journal, sondern auch auf Gruppendynamik, vielfältigen Perspektiven und dem Forschungsrahmen des Embodied Design Tools „Flower“ von Prof. Dr. Judith Papadopoulos.